Dr. Christoph Fischer | Warum die olympische Idee überleben muss

Felix Neureuther ist intensiv geprägt. Sehr intensiv geprägt. Was für ihn, vor allem aber auch für seine Eltern Rosi Mittermaier und Christian Neureuther spricht. "Olympische Spiele sind nach wie vor das faszinierendste Sporterlebnis, das man sich vorstellen kann", sagt Felix Neureuther. Der seine vierten Olympischen Spiele verpasst, weil im Training das Kreuzband gerissen ist. Und der um sein Comeback kämpft, weil es das noch nicht gewesen sein soll. Neureuther wäre in Pyongchang 2018 ein Medaillenkandidat im Slalom gewesen. Aber Neureuther schließt nicht aus, dass er es in vier Jahren noch einmal versuchen will. "Ich werde so lange Ski fahren, wie es geht." Warum? "Es war schon als Kind immer mein Traum."

Neureuther ist ein begeisterter Olympionike, ein glühender Verteidiger der olympischen Idee. Und genau deswegen ist Neureuther auch ein überaus engagierter und kritischer Zeitgenosse, der an der olympischen Idee keinerlei Zweifel aufkommen lässt, ganz sicher aber am Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Dass der erste deutsche Präsident des olympischen Zirkels Olympische Spiele in Deutschland nur deshalb verhinderte, weil er in Buenos Aires zum Präsidenten gewählt werden wollte, ist für Neureuther jedenfalls nicht zu weit hergeholt. "Wir haben das in unserer Begeisterung nicht geglaubt oder nicht glauben wollen. Wenn man jetzt, sieben Jahre später, darüber nachdenkt, dass wir im ersten Wahlgang mit 25:63 Stimmen verloren haben, erscheint das in einem ganz anderen Licht. Da war jemand sehr clever", sagte Felix Neureuther zuletzt im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

Und trotzdem will Neureuther, dass die olympische Idee weiterlebt. Weil es keine Alternative zu ihr gibt. Sein ultimatives Erlebnis waren die Winterspiele 2010 in Vancouver, als sich das kanadische Volk hinter Olympia versammelte, nicht nur im Eishockey-Finale zwischen Kanada und den USA, sondern hinter allen, die vor Ort waren. Grenzenlose Begeisterung in einem Land, das erneut den Sport für sich entdeckte, wo die Jugend der Welt willkommen war. Für die Kanadier war jede Athletin, jeder Athlet ein bewundernswertes menschliches Geschöpf, in des Wortes edelster Bedeutung. Menschen, die "das Feuer aus dem Stein schlagen", wie das der große deutsche Olympier Willi Daume einmal gesagt hat. Auch Daume war einer, der Olympische Spiele für das Nonplusultra des Sports gehalten hat, der aber nicht erst in seiner letzten Lebensdekade vor einer "tumultarischen Entwicklung Olympias" warnte.

Vancouver sei ein Zeichen "von Sportbegeisterung und Fairplay" gewesen, sagt Neureuther, "Vancouver 2010 war so wie Olympia sein sollte". In Pyeongchang, sagt Neureuther, habe er nicht das Gefühl, dass sich ein vergleichbares Flair auch nur ansatzweise entwickeln könnte. Südkorea sei so wenig eine Wintersportnation wie China, dort finden 2022 die Winterspiele statt. In Peking. Soviel Fantasie kann kein normaler Mensch aufbringen, um sich dort Winterspiele vorstellen zu können.

Schon 2014 in Sotschi begann für Felix Neureuther endgültig eine schädliche Entwicklung. Wenn gigantische Sportstätten und Hotelkomplexe aus dem Nichts entstehen, "für die mit dem Bulldozer die Natur plattgemacht wird, dann verschwinden die olympischen Werte im Schutt", sagt Neureuther überall, wo er auftritt. Das in Sotschi investierte Geld hätte weit sinnvoller in andere Projekte investiert werden sollen, aber Nachhaltigkeit sei dem Internationalen Olympischen Komitee nun einmal vollkommen egal: "Es geht allein um eine gigantische Show und darum, wie viel Geld generiert werden kann." Das würde Thomas Bach natürlich ganz anders sehen. Immer wieder bringt der Präsident seine "Agenda 2020" ins Spiel, in der es doch in erster Linie um die Nachhaltigkeit Olympias geht, um einen olympischen Sparkurs, weil die Kosten allerorts aus dem Ruder gelaufen sind. Und um Naturverträglichkeit und Umweltbewusstsein. Dumm nur, dass die Olympiaausrichter dieser Politik bisher keineswegs entsprechen. Siehe Pyeongchang und Peking.

Die Winterspiele 2018 sollten in Deutschland stattfinden. Und die wären vermutlich umweltverträglicher, kostensparender und umweltbewusster geworden. Aber die Deutschen sollten sie trotzdem nicht. Wie auch alle ins Auge gefassten Spiele in Deutschland danach. Jetzt sprechen sie in Nordrhein-Westfalen von einem neuen Anlauf für ein Sommer-Olympia 2032. Es wird aber viel passieren müssen, um Bürgerinnen und Bürger Deutschlands hinter dem Projekt zu versammeln. Für Neureuther ist klar, dass es ohne radikale Schnitte vor allem im IOC nicht gehen wird. Man könne in diesem System eben nur groß werden, wenn man mitläuft, haben zuletzt auch die eher kritischen Olympiafunktionäre Richard Pound aus Kanada und Walther Tröger aus Deutschland gesagt.

Dass sich in Deutschland eine selbstständige Athleten-Vertretung gegründet hat, passt ins Bild. Die Athleten, die Olympia ausmachen, machen sich unabhängig von den herrschenden Funktionärsbürokratie – und werden entsprechend vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) kritisiert. Wenn sich "Athleten Deutschland" im organisierten Sport etabliert, würde Neureuther mitmachen, "weil es um die Zukunft des Sports geht, nur so schaffen wir wieder nachhaltig Vertrauen", das viele seit langem verloren haben. Dass es der Sport als gesellschaftspolitischer Faktor in Deutschland schwerer hat als jemals zuvor, liegt unter anderen an den Fehlentwicklungen des Spitzensports. Neureuther jedenfalls hat aktuell viel Verständnis für Eltern, er ist selbst Vater ein Tochter, die sagen: Da oben wird gedopt, da wird korrumpiert, damit wollen wir nichts zu tun haben.

Jugend braucht Vorbilder. Die gab es lange Zeit im Spitzensport. Felix Neureuther ist ein Produkt dieser Vorbilder. Rosi Mittermaier und Christian Neureuther, selbst begeistert vom olympischen Sport, hoch engagiert, aber am Ende doch enttäuscht. Und mittlerweile in kritischem Abstand zu Organisationen wie dem IOC. Aber grundsätzlich immer noch von der olympischen Idee fasziniert. Wie der Sohn, der eine Botschaft senden will an alle, die zweifeln. Olympia sei weiter das größte vorstellbare Faszinosum: "Dafür lohnt es sich zu kämpfen und zu leben, sonst hätte ich doch nie probiert, trotz gerissenem Kreuzband nach Pyeongchang zu fahren."

Neureuther würde die Vergaberichtlinien Olympias radikal verändern, die Anzahl olympischer Wettbewerbe einschneidend reduzieren. Abschied von der hemmungslosen Gigantomanie, Betonung der Nachhaltigkeit: "Dabei darf es nicht um olympische Bauwerke gehen, die nach Olympia kein Mensch mehr braucht und nutzt, sondern darum, was ich einer Nation, was ich Kindern und Jugendlichen als Erbe hinterlasse. Es wäre schon ein Gewinn, wenn die Gewinne noch mehr im Land des Ausrichters bleiben würden und sich das IOC nicht steuerliche Sonderregeln garantieren ließe".

Der aktuelle Umgang des IOC mit der "Causa Russland" (und die neuen Doping-Enthüllungen im nordischen Skisport) sind dem Skirennfahrer ein Dorn im Auge. "Wer redet eigentlich noch von den Sportlern, denen durch einen Gedopten der Traum genommen wurde, auf einem olympischen Podest zu stehen. Wenn wirklich ein staatliches System dahintersteckte, dem sich alle untergeordnet haben, dann muss ich gnadenlos vorgehen. Sonst sende ich die Botschaft, dass es doch Schlupflöcher gibt und dass man mit politischer Power viel erreichen kann", argumentierte Neureuther im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung weiter.

Neureuther hat festgestellt, es habe in den letzten Jahren "leider eine große Entzauberung stattgefunden". Davon wird er sich aber nicht beirren lassen. Neureuther ist einer, der weiter an Olympia, die Olympischen Spiele und den olympischen Spitzensport glaubt. Die olympische Idee, der Plan von Pierre Baron de Coubertin, muss überleben. Nur anders. Ohne radikale Schnitte wird es nicht gehen. Ehe es auch dafür zu spät ist.


DER AUTOR | Dr. Christoph Fischer

FischerChristophDr. Christoph Fischer ist Stellvertretender Chefredakteur und Ressortleiter Sport beim Reutlinger General-Anzeiger. Er hat von zahlreichen sportlichen Großereignissen bereits berichtet. Fischers Vita ist beachtlich: Von Haus aus Diplom-Sportlehrer, bei 12 Olympischen Spielen journalistisch vor Ort, früher Redakteur bei der Westfälischen Rundschau, beim General-Anzeiger in Bonn, beim Sport-Informations-Dienst und der Westdeutschen Zeitung, Lehrbeauftragter für Sportpublizistik in Köln, Tübingen und Gelsenkirchen. Ehrenamtlich engagierte er sich jahrelang beim Verband Deutscher Sportjournalisten. Aktuell ist er Stellvertretender Vorsitzender des Vereins Sportpresse Württemberg.

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