SPORT UND KLIMA | DAV-Landesverband Baden-Württemberg
SPORT UND KLIMA lautet das Jahresmotto 2026 der SportRegion Stuttgart. In diesem Zusammenhang gibt es gleich vier Online-Serien. In der 8. Folge der „Beispiele aus der Praxis“ geht es um den Landesverband Baden-Württemberg des Deutschen Alpenvereins (DAV).
Folge 8: Außwirkungen des Klimawandels auf den Bergsport
Wassermangel auf Hütten, herabstürzende Felsbrocken und Wege, die plötzlich unbegehbar sind, weil sich die Gletscher zurückziehen: Kaum eine andere Disziplin leidet so stark unter dem Klimawandel wie der Bergsport. Auch bei den Hütten sind die Auswirkungen vielfältig. Nicht nur die Wasserknappheit in trockenen Sommern setzt den Wirten und Gästen zu. Durch Starkregen gibt es vermehrt Schäden an den Gebäuden und der Untergrund wird durch den massiven Wechsel von Frost und Tau selbst in großen Höhen instabiler.
Die Wegeinfrastruktur ist nicht minder betroffen. Verstärkte Murenabgänge bei Starkregen führen dazu, dass die Alpenvereine und lokalen Behörden immer mehr in die Instandhaltung der Wege investieren müssen. Gletscher schmelzen mit der Folge, dass Routen nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form zu begehen sind. Nur eines von vielen Beispielen ist die Errichtung der Hängebrücke zwischen Langtalereckhütte und Ramolhaus. Ein weiterer Gefahrenherd: abtauender Permafrost sorgt für zunehmende Steinschlaggefahr. Dies kann bis zu großen Bergstürzen wie am Fluchthorn führen. „Die Erwärmung macht die Alpen instabil“, sagt Dr. Tobias Hipp, DAV-Experte für Klimawandel, Gletscher und Permafrost. Dies habe sich am Fluchthorn „sehr eindrücklich gezeigt“.
Durch die Erwärmung steige die Nullgrad-Grenze, betont Hipp weiter. Seit 1961 habe sie sich in den Wintermonaten um rund 400 Meter nach oben verschoben. Mit drastischen Konsequenzen, weiß Hipp. „Für einen Bergsturz wie am Fluchthorn muss der Permafrost noch nicht einmal ganz aufgetaut sein.“ Wird das Eis wärmer, verändert es seine Eigenschaften. „Es wird elastischer und das reicht, um Hänge und Felswände zu destabilisieren.“
Die durch den Klimawandel bedingte Zunahme von Extremwetterereignissen wie Starkregen, Trockenheit, Hitzeperioden oder starke Temperaturschwankungen „beschleunigen diese Prozesse und können Steinschläge sowie Felsstürze auslösen“, warnt der DAV-Experte. Aber auch weit über den Alpenraum hinaus sind die Folgen des Gletscherrückgangs zu spüren. Denn die Eismassen sind ein wichtiger Wasserspeicher. Bei hochgelegenen Flüssen mit stark vergletschertem Einzugsgebiet wie etwa bei Venter Ache und Gurgler Ache stammen in den Sommermonaten bis zu 80 Prozent des Wassers aus der Gletscherschmelze. „Die Alpenbäche, die letztlich auch die großen europäischen Flüsse speisen, werden in den ohnehin trockenen Sommermonaten künftig bedeutend weniger Wasser führen“, erklärt Hipp.
Doch wie auf den Klimawandel reagieren? Der Deutsche Alpenverein jedenfalls hat als Betreiber der alpinen Infrastruktur ein ureigenstes Interesse daran, dass der Klimawandel abgemildert wird. Auf Alpenvereinshütten werden Wasserspararmaturen eingebaut und die Energieversorgung wird auf eine regenerative Basis gestellt. Bei Baumaßnahmen werden die Emissionen ermittelt, um zukünftige Bautätigkeiten möglichst nachhaltig gestalten zu können. Und natürlich soll jeder Bergsportler seinen eigenen CO2-Fußabdruck möglichst geringhalten.
Aber auch die Sicherheit der Bergsportler ist ein großes Thema. Gletscherspalten, die einst sicher überquert werden konnten, sind nun oft ein gefährliches Hindernis. Auch der Weg dorthin führt immer öfter durch Moränenlandschaften mit losem Geröll. Hipp: „Dies erfordert eine sorgfältige Einschätzung der Routen und erhöhte Vorsicht.“
Ein weiteres Problem ist die erhöhte Steinschlaggefahr. Bereits heute werden immer wieder Routen wegen Steinschlaggefahr längerfristig gesperrt oder müssen komplett verlegt werden. Darüber hinaus gibt es eine Zunahme extremer Wetterbedingungen im Hochgebirge. Stürme und Schneefälle werden intensiver und unvorhersehbarer. Die Gefahr von Lawinenabgängen steigt ebenfalls.
Der DAV hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu werden. Das dreistufige Prinzip lautet: „Vermeiden vor Reduzieren vor Kompensieren.“ Bereits seit 2021 fördert der Verein verschiedene Klimaschutzmaßnahmen, die in den Sektionen umgesetzt werden. Durch diese Projekte können bereits rund 660 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden, heißt es beim DAV.
Um eine Vorstellung zu bekommen, wo wie viele Emissionen anfallen, wurde in zahlreichen Gliederungen des DAV (140 Sektionen, vier Landesverbände und der Bundesverband) im Jahr 2022 eine Emissionsbilanzierung durchgeführt. Dabei wurden die Emissionen aus den Touren- und Kursprogrammen, dem Hüttenbetrieb, den Gremiensitzungen, den Wettkämpfen und weiteren Veranstaltungen sowie dem Betrieb der Sektionen und Verbände erfasst. Dieser Querschnitt durch den Verband – mit Sektionen unterschiedlicher Lage und Größe, mit und ohne eigene Kletterhallen, mit bewirtschafteten und Selbstversorgerhütten – erlaubte eine Hochrechnung der Emissionen für den gesamten Verband.
Das Ergebnis: Rund 51.000 Tonnen CO2-Äquivalente wurden durch die Infrastruktur und die Aktivitäten des Deutschen Alpenvereins verursacht. Auch beim Landesverband Baden-Württemberg schlagen die Veranstaltungen (Kletterwettkämpfe, Kurse, Arbeitstreffen, …) in der Emissionsbilanzierung am stärksten zu Buch, zum einen in Form der An- und Abreisemobilität zum anderen durch die dort konsumierte Verpflegung. Ein weiterer „Aktivposten“ für die Bilanz des DAV-Landesverbands ist zudem die Mitarbeitermobilität.
Was also tun? Um die klimafreundliche Anreise zu Veranstaltungen und zum Arbeitsplatz zu fördern, nutzt der Landeverband nun verschiedene Anreize: Zum einen gibt es mittlerweile ein „Belohnungsmodell“ in Form eines Rabatts auf die Anmeldegebühr bei Wettkämpfen. Das dadurch in den Sektionen eingesparte Geld kommt unmittelbar der Sportförderung zugute. Der Geschäftsführer des DAV-Landesverbands, Moritz Hönig, betont: „Sofern Wettkampf-Teilnehmende mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Fahrgemeinschaften zu Wettkämpfen anreisen, erhält ihre Sektion einen Zuschuss aus dem Klimaschutzbudget. Durch die Maßnahme werden Teilnehmende für das Thema sensibilisiert, ebenso führt der monetäre Anreiz zu einer Erwartungshaltung seitens der Sektionen, die diese Maßnahme entsprechend unterstützen.“
Zudem wird die „Letzte Meile“ bei Kursen gefördert, um die öffentliche Anreise attraktiver zu gestalten. Moritz Hönig: „Der DAV-Landesverband setzt bei seinen Aus- und Fortbildungen auf kurze Wege und nachhaltige Mobilität. Die meisten Lehrgänge finden in Baden-Württemberg statt.“ Zudem stammten Ausbilder und Teilnehmende überwiegend aus der Region, wodurch die Anreisewege in der Regel kurzgehalten werden können. „Fahrgemeinschaften werden aktiv unterstützt und Informationen zur Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln gezielt bereitgestellt. Auch bei den wenigen Lehrgängen im Alpenraum wird die Anreise bereits im Vorfeld gezielt geplant. Neben der Vermittlung von Fahrgemeinschaften werden bei Bedarf Transportlösungen für die sogenannte ‘letzte Meile’ zwischen Bahnhof und Lehrgangsort organisiert, um eine möglichst nachhaltige Anreise zu ermöglichen“, so der Geschäftsführer.
Der Landesverband stellt auch ein Jobtickets für die Mitarbeiter der Geschäftsstelle bereit, damit sie bevorzugt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit kommen. Acht von neun festangestellten Mitarbeitern des DAV-Landesverbandes nutzen bereits ein Jobticket für die alltägliche Fahrt in die Geschäftsstelle in Stuttgart. Größter CO2-Treiber beim DAV ist laut Hönig die Mobilität. Daher möchte der DAV neben den genannten Maßnahmen auch die klimafreundliche Anreise zu den Felsen unterstützen. Dazu wurde der Flyer Rock & Rail aufgelegt, der auf 24 Seiten Informationen beinhaltet, welche heimischen Kletterfelsen gut mit der Bahn (und dem Fahrrad) erreichbar sind.
Mehr Infos: https://alpenverein-bw.de/images/klettern/download/dav-rock-rail.pdf