Jens Zimmermann | Der olympische Sport in Deutschland und seine Leistungssportreform – Meisterstück des Fairplay?

Am 9. Februar 2018 starten die XXIII. Olympischen Winterspiele in Pyeongchang in Korea. Die Augen der sportinteressierten Welt werden für zwei Wochen nach Asien blicken und mitfiebern beim Kampf um Gold, Silber und Bronze. Randsportarten wie Eiskunstlaufen und die Nordische Kombination werden in den Fokus rücken, Johannes Rydzek und Aljona Savchenko die Schlagzeilen bestimmen.

Für die deutschen Starter geht es um Medaillen. Der Leistungssportgedanke treibt die Athleten an – und die Leistungssportreform des DOSB. Wer keine Leistung bringt, der soll aus der Förderung fliegen. Curling wird es bald als erstes erwischen, wer folgt dann? Short-Track? Skilanglauf? Eishockey?

Dort wo in anderen Ländern der vermeintliche Olympische Gedanke „dabei sein ist alles“ zählt, geht es in einer der reichsten Industrienationen der Welt nur noch um den Erfolg. Anders sei das Sportsystem nicht mehr zu finanzieren. Die anderen Nationen sollen also den Rahmen schaffen in den Sportarten, in denen Deutschland erfolgreich ist. In den anderen Sportarten ist sich Deutschland also zu schade selbst den Rahmen zu bilden. Ist das ein Meisterstück für Fairplay aus Sicht des DOSB und des Bundesministeriums des Inneren?

Sicher, man könnte es Bündelung der Kräfte nennen. Biathlon statt Skilanglauf, Rodeln statt Skeleton, Ski Alpin statt Freestyle. Doch was wäre, wenn alle Nationen so denken würden? Deutschland würde nur noch gegen sich selbst um die Medaillen im Rodeln kämpfen? Beim Skispringen wären nur noch Norwegen, Deutschland, Slowenien und Österreich am Start? Im Eisschnelllauf würden bei Olympia niederländische Meisterschaften stattfinden?

Das kann sicherlich nicht das Ziel sein. Gerade eine Sportnation wie Deutschland ist hier gefordert. Es muss doch möglich sein, den Leistungssport nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite ausreichend zu fördern. Bereits vor dem Start der Olympischen Spiele ist davon auszugehen, dass Deutschland beispielsweise im Short-Track keine Medaille holt. Wie sieht es dann ab 2018 mit der Förderung aus? Bekommt die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft noch genügend Bundesmittel, um die Trainerstellen aufrecht zu erhalten? Müssen sich die deutschen Spitzensportler wie Anna Seidel und Bianca Walter Trainingsgruppen anderer Nationen anschließen um auf höchstem Niveau trainieren zu können?

Sportdeutschland scheint in die falsche Richtung zu galoppieren. Fußball – die unumstrittene Nummer 1 entfernt sich immer mehr vom Rest. Da liegen mittlerweile nicht mehr nur Welten sondern Galaxien zwischen den Top-Sportlern der Olympischen Sportarten und beispielsweise Fußballnationalspielern. Für die Prämien- und Sponsoreneinnahmen des Sportlers des Jahres 2017, Johannes Rydzek, würde ein Bundesligaprofi in Deutschland lieber zur Agentur für Arbeit gehen, anstatt einen Vertrag zu unterschreiben. 90% der Sponsoring Investitionen im deutschen Sport fließen in den Fußball. Keine Überraschung in einem Land, wo selbst alle Spiele bei eine U-21-Europameisterschaft zur besten Sendezeit in den öffentlich-rechtlichen TV-Programmen übertragen werden. Na klar, es geht immer nur um Quote. Fußball ist ein Selbstläufer. Selbst wenn der VfB Stuttgart gegen Mainz 05 spielt, schauen mehr Menschen zu, als wenn Thomas Dreßen als erster Deutscher nach 39 Jahren wieder das Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel gewinnt.

Vor 30 Jahren war das noch anders. Da stand der Olympische Sport mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Markus Wasmaier oder Michael Groß waren Persönlichkeiten des Sports und jedes Kind kannte sie. Heute zählen nur noch Özil, Neuer und Hummels. Nur selten schafft es ein Sportler wie Fabian Hambüchen ins Abendprogramm – allerdings auch nur in Game- oder Talkshows, sein Sport bleibt im verborgenen Nischenprogramm des Internetsportsenders sportdeutschland.tv.

Doch wie kam es zu dieser Entwicklung? Diese Frage zu beantworten ist ungefähr so schwierig wie die Antwort auf die berühmteste aller Fragen: Was war zuerst? Das Ei oder die Henne?

Alle sind gefordert. Die Verbände, die Sportarten attraktiv halten müssen, so wie es Biathlon vor Jahren erfolgreich praktiziert hat. Interessante Formate schaffen, dazu noch leicht verständlich für das Publikum. Das Turnen und das Eiskunstlaufen hat sich seiner Markenzeichen selbst beraubt. Die 10,0 im Turnen oder 6,0 im Eiskunstlaufen waren als Synonyme für Topleistungen weit über die Sportart hinaus ein Begriff. Nun gewinnt ein Turner mit 16,333 Punkten und ein Eiskunstläufer mit 302,88 Zählern. Transparenz ist gut und wichtig, macht den Sport sicherlich in vielen Teilen auch ein Stück weit fairer, doch verständlich ist es für die Nicht-Experten nach wie vor nicht.

Gefordert sind aber auch die Medienvertreter. Ob Print, TV oder Online, löst euch vom goldenen Kalb Fußball. Nur wenn wieder bei den Menschen über eine ausgewogene Berichterstattung und kreative Geschichten das Interesse geweckt wird, schaffen es die olympischen Sportarten aus dem Schatten des dominierenden Fußballs. Dann sind auch Sponsoren bereit, in Nordische Kombination, Turnen oder Ringen zu investieren. So lange ein Business-Paket beim VfB Stuttgart mehr Marketinggegenleistung erwarten lässt, als ein Hauptsponsoring bei Ringer-Weltmeister Frank Stäbler, tun sich Sportler wie der Musberger schwer, adäquate Partner zu finden, auch wenn sie mehr Werte, Authentizität und Engagement in einer Kooperation einbringen können als die meisten limitierten Fußballer.

Nicht zuletzt ist auch Sportdeutschland gefordert – der Deutsche Olympische Sportbund und das BMI. Das Konzept kann nicht vom Tierreich übernommen werden. „Survival of the fittest“ ist keine Lösung. Das deutsche Sportsystem hat schon immer von seiner Ausgewogenheit gelebt. Rudern und Bogenschießen, Leichtathletik und Ringen, Skispringen und Eisschnelllauf. Wenn das Fairplay nicht nur bei den sportlichen Wettkämpfen an sich Anwendung findet, sondern auch generell im Sportsystem, dann hat der Sport in Deutschland auch positive Zukunftsperspektiven. Förderung nicht nur da, wo es Medaillenchancen gibt, damit die Sportarten sich einen internationalen Wettbewerb erhalten können. Berichterstattung nicht nur fokussiert auf Fußball, weil es so bequem ist schöne Quoten zu erreichen.

Sollte das gelingen, dann kann der olympische Sport in Deutschland tatsächlich zu einem Meisterstück des Fairplay werden.


DER AUTOR | Jens Zimmermann

JZJens Zimmermann ist vielseitig aktiv - sei es als Moderator, als Entertainer oder als Manager diverser Sportlerinnen und Sportler. Er moderierte bereits bei zahlreichen Sportgroßveranstaltungen, u.a. bei mehreren Weltmeisterschaften. Sowohl bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Kanada als auch 2014 in Sotchi war er als Sprecher im Einsatz. Zuvor arbeitete Zimmermann als Geschäftsführer des Traditionsvereins SV Stuttgarter Kickers. Von 1993 bis 2006 fungierte Zimmermann als ehrenamtlicher Pressesprecher der Deutschen Nordischen Behinderten-Nationalmannschaft. Zu den von ihm betreuten Sportlern zählen der Weltklasse-Turner Marcel Nguyen, Ringer-Weltmeister Frank Stäbler und der Wintersportler Johannes Rydzek (Deutschlands Sportler des Jahres 2017).

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