Klaus-Eckhard Jost | Dringend nötig: Relaunch einer guten Idee

Sie haben gerade noch einmal die Kurve gekriegt. Wenige Wochen vor der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Pyoengchang haben sich die zerstrittenen Brüder aus Nord- und Südkorea an einen (Verhandlungs-)Tisch gesetzt und miteinander geredet. Und sie haben sich nicht nur ausgetauscht, sondern sind zu einem überraschenden Ergebnis gekommen. Hinter einer gemeinsamen Flagge sollen die Sportler aus dem Süden und dem Norden ins Olympiastadion einmarschieren. Und dann die Krönung: Die Frauen spielen in einem gemeinsamen Eishockey-Team. Eine historische Leistung. Der Sport als verbindende Kraft.

Trotzdem stellen sich außer der Teilnahme der Athleten aus dem diktatorischen Nordkorea viele Fragen. Die kurzfristige lautet: Was werden diese Spiele bringen? Doch auch die langfristige Entwicklung ist völlig offen. Der Sport, der von vielen verklärt als schönste Nebensache der Welt bezeichnet wird, ist längst zu einer gigantischen Maschinerie für Macht- und Wirtschaftsinteressen verkommen. Findet er wieder auf einen gangbaren Weg zurück?

Selbstverständlich nutzt Südkorea diese Olympischen Spiele, um sich im besten Licht zu präsentieren. So wie dies zuvor auch Rio de Janeiro und Sotschi getan haben. Wieder wurden Milliarden Euro in Sportstätten investiert, bei denen noch nicht gesichert ist, ob sie jemals wieder genutzt werden. Trauriges Beispiel ist Rio de Janeiro. Lediglich ein paar kleine, feuchte Flecken sind von dem übriggeblieben, was einmal in dem großen Schwimmbassin war, in dem Michael Phelps seine historischen Goldmedaillen gewonnen hat. Ansonsten liegt jede Menge Unrat im Becken. Und das ist kein Einzelfall. Den Zugang zu den diversen Hallen verbarrikadieren Eisenstangen. Nachhaltigkeit sieht anders aus.

Dabei hatten die noblen Herren im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) durchaus hehre Überlegungen, als sie für Spiele in Brasilien votiert haben. Südamerika sollte als weißer Fleck auf der Weltkarte verschwinden. Endlich sollte sich die Jugend der Welt, wie es einmal verklärt hieß, auch auf dem südlichen Teil des Doppelkontinenten treffen. Doch das Ansinnen ging nach hinten los, nicht nur weil Brasilien in eine wirtschaftliche Krise schlitterte.

Die Marke war attraktiv, das Image positiv

Die Olympischen Spiele waren eine attraktive Marke mit positivem Image. Doch die Marke bröckelt massiv, weil der olympische Gedanke und die Werte bröckeln. Nicht einmal mehr die Sportler bekommen rundweg glänzende Augen beim Gedanken an die Spiele. „Olympia ist immer noch ein Mythos, aber er wird immer hohler und löchriger“, klagte beispielsweise Felix Neureuther. Der deutsche Slalomspezialist erklärte dann auch, warum er dieser Meinung ist: „Es kann nicht sein, dass Milliarden in Sotschi, Pyeongchang und Peking ausgegeben werden. Weniger ist mehr, zurück zu den Wurzeln des Sports, die Spiele gehören dahin, wo es sinnvoll ist.“

Recht hat er zwar, aber diejenigen, in deren Region sich die Wurzeln des Sports befinden, wollen die Spiele gar nicht mehr. Die klassischen Sportländer lehnen dankend ab. München hatte mit den Wintersportzentren in Oberbayern zweimal den Anlauf genommen – und ist gescheitert. Oslo mit dem berühmten Holmenkollen, die Wintersport-Hauptstadt schlechthin, wollte die Spiele – und durfte sich nicht bewerben. In Graubünden und Tirol dasselbe. Überall wurde die Bevölkerung befragt, die votierte jeweils mehrheitlich dagegen.

Nicht nur die Winterspiele sind schwer an die Stadt zu bekommen. Auch die Bewerber für die Sommerspiele stehen nicht mehr Schlange. Hamburgs Bürger stimmten gegen eine Olympia-Bewerbung ab, auch Boston und Rom verloren nach anfänglicher Begeisterung ihr Interesse. Nicht einmal in Budapest waren die Spiele willkommen.

Stell dir vor, Olympische Spiele werden ausgeschrieben und keiner meldet sich. „Man hat mit Befremden festgestellt“, berichtete Skiverbands-Präsident Gian Franco Kasper nach dem Bewerbungsverfahren für die Winterspiele 2022, „dass fünf oder sechs Kandidaten vorhanden waren und die sich dann alle zurückgezogen haben oder durch Abstimmungen in der Bevölkerung nicht mehr fähig waren weiterzumachen.“ Zur Auswahl blieben lediglich die Nicht-Wintersportstadt Peking und Almaty in Kasachstan. Eigentlich eine Wahl zwischen Pest und Cholera.

Warum sollten die Macher sich ändern?

Nicht nur die Olympischen Spiele sind längst ein außer Kontrolle geratener dekadenter Zirkus. Wer heutzutage Olympia haben will, muss eben Bürger haben, die nicht gefragt werden müssen. Deshalb springen als Retter in der Not mehr oder weniger undemokratische Länder ein. Für die Mehrzahl der Herren im Olymp oder ähnlich hoch angesiedelter Sportorganisationen sind dies nur lästige Petitessen. Sie machen ungeachtet dieser Störungen weiter. Möglicherweise registrieren sie diese gar nicht. Die Vergabe von Großveranstaltungen bleibt von Geheimniskrämerei umgeben, und die Zustände in den meisten internationalen Sportverbänden sind geprägt von Seilschaften, die sich gegenseitig bedingen. Das hat System. „Die Leute, die die größte Macht haben, denken immer, sie könnten alles machen, was sie wollen“, sagte Mohamed Bin Hammam. Der Katarer, der dem normalen Volk einen Einblick in den elitären inneren Zirkel der internationalen Sportverbände gibt, war selbst viele Jahre Mitglied der Exekutive des Fußball-Weltverbandes Fifa, bis er wegen Korruption von der Ethikkommission lebenslang gesperrt wurde.

Warum aber sollten sich die Lenker des Weltsports auch ändern? Ihre Geschäftsmodelle funktionieren doch bestens. Zumindest aus ihren Blickwinkeln. Immer wieder werden sie von Staatsmännern umworben, die als Ausrichter von Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften für sich werben und die Leistungsfähigkeit ihres Landes unter Beweis stellen wollen. Dabei wird um das Wohlwollen im Vorfeld nicht nur mit Argumenten gekämpft. Auch deshalb werden deutsche Bewerbungen zwar wegen ihrer organisatorischen Perfektion geschätzt, doch die Annehmlichkeiten, mit denen andere Länder so einen Bewerbungsprozess attraktivieren, müssen ordentlich über die Bücher laufen. Und schon werden sie unattraktiv, weil nachweisbar.

Nichts ist für die Ewigkeit

Selbst nach einem Zuschlag bergen Sport-Großveranstaltungen noch unwägbare Risiken. Vor allem finanzieller Natur. Dies musste selbst Zürich, Hauptstadt der Finanzwelt, erkennen. Trotz vorhandener Infrastuktur in Form des Letzigrund-Stadions machten die Schweizer mit der Leichtathletik-Europameisterschaft im Jahr 2014 ein kräftiges Minus. Ein schwacher Trost war die Erinnerung daran, was Stuttgart zwei Jahrzehnte zuvor im Vorfeld der Welttitelkämpfe 1993 widerfahren ist. Weil immer weitere Forderungen diktiert wurden, mokierten sich die Verantwortlichen um Oberbürgermeister Manfred Rommel. Als Replik darauf sagte Primo Nebiolo, der damalige Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, bei einer Pressekonferenz im Steigenberger-Hotel „Graf Zeppelin“ süffisant den legendären Satz: „Be happy and pay the deficit.“ Nachfolgende Bewerber haben aus dieser öffentlichen Schmähung gelernt und gezahlt. Oder um sich diesen Frust zu ersparen, haben sie sich erst gar nicht beworben.

Das große Interesse der Fans an großen Sportveranstaltungen zeigt, dass die olympische Idee und der olympische Geist und die Attraktivität der Titelkämpfe in anderen Sportarten durchaus noch am Leben sind. Voraussetzung ist, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Trotzdem bedarf es dringend eines tiefgreifenden Markenrelaunches. Denn der Blick zurück zeigt: Nichts ist für die Ewigkeit. Schon in der Antike gab es Olympische Spiele, die nicht überlebt haben. Ein zweites Scheitern wäre schade.



DER AUTOR | Klaus-Eckhard Jost

KEJKlaus-Eckhard Jost hat sein journalistisches Rüstzeug bei "Sonntag Aktuell" erhalten. Als langjähriges Redaktionsmitglied und danach als freier Journalist berichtete er von drei Olympischen Spielen und unzähligen Welt- und Europameisterschaften. Sein Augenmerk liegt vor allem auf dem Motorsport, der Leichtathletik und im Winter auf dem Skispringen sowie Bob und Rodeln. Im Mittelpunkt seiner Berichterstattung für Zeitungen wie die Stuttgarter Zeitung und Nachrichten, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Münchner Merkur, Berliner Morgenpost, taz und Neue Züricher Zeitung stehen die Athleten, aber er schreckt auch nicht zurück auf Auswüchse in organisatorischen oder materialtechnischen Bereichen hinzuweisen. Daneben unterstützt Jost seit vielen Jahren die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit beim Württembergischen Landessportbund (WLSB). Zudem betreut er am Institut für Sportwissenschaften der Universität Tübingen eine Lehrredaktion, erläutert interessierten Nachwuchsjournalisten "Journalistische Darstellungsformen" .

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