Gunter Barner | Chance für den Sport

Auf einmal fühlt sich vieles bedenklich an. Überall Knarzen und Ächzen. Als drohe die Welt zu zerbersten. Wo der Mensch vor kurzem noch Trittsicherheit empfand, spürt er schwankende Schollen, die auseinanderdriften - wie das schmelzende Eis der Antarktis.

Der Mensch sehnt sich in der globalisierten Welt mehr denn je nach sozial bindenden Kräften. Nach verlässlichen Perspektiven, gemeinsamen Werten, eindeutigen Regeln und moralischen Instanzen. Doch die Politik kämpft gegen Abnutzungserscheinungen, Kirchen und Gewerkschaften leiden an Bedeutungsverlusten, wichtige Teile der Wirtschaft stecken in der Vertrauenskrise. Zwischenmenschliche Kontakte leiden unter der zunehmenden Digitalisierung der Kommunikation.

Sport als Wegweiser durchs Leben

Der Sport dagegen gewinnt als gesellschaftliche Bewegung an Gewicht. Ungeachtet der Risse, die sich auch durch die Fundamente seiner Glaubwürdigkeit ziehen. Weshalb sich die Frage stellt: Kann die gemeinsame Freude an sportlicher Leistung und Betätigung den Menschen helfen, sich in einer Welt zu orientieren, die schwer abzuschätzende Herausforderungen für sie bereithält?

Unbestritten ist: Sport führt Menschen zusammen, er gibt ihnen gemeinsame Ziele. Er integriert und solidarisiert. Er festigt den sozialen Kitt einer Gesellschaft. Sport bereitet Kinder und Jugendliche vor auf das Leben. Ohne Fleiß kein Preis. Die Bereitschaft zur Leistung ist Bedingung für den Erfolg. Sie feiern gemeinsam Siege und lernen, in der Gemeinschaft auch Niederlagen zu ertragen. Sie ordnen sich ein, nehmen Rücksicht, hinterfragen Taktik und Strategie, sie übernehmen Verantwortung für sich und andere. Sport ist eine ideale Schule der Demokratie.

Teil einer Unterhaltungsindustrie

Er stellt sich aber selbst ein Bein, wenn er die Widersprüchlichkeit seines Wirkens leugnet. Denn Sport ist auf seine Weise immer auch schizophren. Es gibt ihn, von Medien stilisiert, als wachsenden Teil einer vom Kommerz bestimmten Freizeit- und Unterhaltungsindustrie. Mit Showbusiness-Funktionen, Event-Charakter, Star-Effekten, Götzen-Verehrung und mit dem Ziel der Profit-Maximierung.

Die Originalversion

Und es gibt ihn in der Originalversion als ehrenamtlichen Lieferanten von Volksgesundheit, Körperbewusstsein, Vereinskultur, Identität, Teamgeist, Solidarität, Loyalität, Fairness und Anstand. Breitensport im besten Sinne.

Aber häufig dann, wenn das Erreichen sportlicher Ziele im Gefahr gerät, wenn der Traum vom großen Geld zu platzen droht, werden humanistischen Ideale auf dem Altar des Erfolgs geopfert. Und unversehens gilt das elfte Gebot: Lass dich nicht erwischen!

Ist der Videobeweis im Fußball nicht auch ein Hinweis auf die Erosion des sportlichen Anstands? Stürmer trainieren Strafraum-Schwalben, Abwehrspieler üben sich in versteckten Fouls. Sie fordern ohne Scham Platzverweise für den Gegenspieler. Schiedsrichter werden bedrängt. Und Elfmeter werden auch dann noch mit unschuldiger Miene verwandelt, wenn dem Schützen bewusst ist, von einer krassen Fehlentscheidung zu profitieren. Wer aber die Werte des Sports aushebelt, um zum Erfolg zu kommen, sollte sich nicht wundern, wenn auch in den Fankurven und Internet-Foren die Regeln des Anstands nicht mehr gelten. Gleich und gleich gesellt sich gern.

Zweifelhafte Vorbildfunktion

Panem et circenses. Brot und Spiele. Das nach Siegen gierende Publikum toleriert, wenn Regeln gedehnt oder verletzt, Grenzen des Fair-Play überschritten werden. Die Einzelunternehmer in kurzen Hosen erteilen mit ihren Rüpeleien die öffentliche Absolution für das Verhalten derer, die lieber spalten als versöhnen: Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr, Egoismen in Beruf und Familie, Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten, Diskreditierung von Schwachen und Andersdenkenden.

Das alles ist kein Zufall: Der telegene Teil des Spitzensportsystems speist sich fast ausschließlich aus Siegern und Helden. Der Zweite gilt als der erste Verlierer. Das Streben nach Ruhm, Geld und Geltung wird inszeniert als ein Spiel ohne Grenzen. The winner takes it all. Der Sieger nimmt sich alles. Der Verlierer interessiert höchstenfalls dann, wenn tragische oder dramatisch zu inszenierende Umstände zur Niederlage führten. Ein Trainer wird von jetzt auf nachher gefeuert, ein versagender Spieler aus dem Kader gestrichen.

Aufklären statt vertuschen

Dabeisein ist alles? Nurmehr eine irreführende Floskel. Warum verschaffen sich skrupellose Sportler mit Doping-Praktiken unnatürliche Vorteile? Warum schlucken Hobbyläufer vor dem Marathon ohne Bedenken Schmerztabletten? Umfragen unter Athleten zeichneten schon vor Jahren ein erschreckendes Bild: Über die Hälfte aller Athleten wären für einen Olympiasieg bereit, Substanzen zu sich nehmen, die ihre Lebenszeit um fünf Jahre verkürzen würden. Einzelne Funktionäre, qua Amt einzig den Sportlern verpflichtet, dienen sich an als Erfüllungsgehilfen korrupter Systeme. Die Veröffentlichungen von Dopingstudien werden verhindert, Missstände vertuscht. Autokratien und Diktaturen kaufen sich sportliche Großveranstaltungen als unverfängliche Plattformen ihrer politischen Propaganda. Die Fußball-WM 2022 im Wüstenstaat Katar ist ein peinlicher Anachronismus, Russlands staatlich unterstütztes Doping-System ein Kollateralschaden für die Glaubwürdigkeit sportlicher Höchstleistungen.

Mittel zum Zweck

Die zynische Lehre daraus: Ethik und Moral muss man sich leisten können. Sie sind in großen internationalen Sportverbänden, wie etwa dem Weltfußballverband Fifa, zumindest zeitweise keine zu berücksichtigenden Größen. Wenn sportlicher Gigantismus, staatliche Geltungssucht oder Wachstumsmärkte für Sponsoren und Investoren auf dem Spiel stehen, scheint der Zweck die Mittel zu heiligen.

Als hätte Pythagoras die Gefahren einst geahnt. Der griechische Philosoph sinnierte über die Geheimnisse des rechtwinkligen Dreiecks und er sorgte sich auch um die Befindlichkeit des Sports. „Es ist wichtig bei Olympischen Spielen dabei zu sein“, schrieb der große Denker der Antike, „noch wichtiger ist es, nicht zu gewinnen. Die Versuchungen könnten zu groß sein.“

Schon damals galt, was bis heute Gewissheit ist: Wenn sich sozialer Aufstieg und gesellschaftliche Privilegien zu eng mit dem Zwang zu sportlichen Erfolgen verknüpfen, verlieren Sport, Spaß und Spiel ihre Unbeschwertheit und ursprünglichen Werte.

Die Schule des Lebens

Fast naiv hört sich an, was Albert Camus in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts formulierte: „Alles, was ich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball.“ Der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger war Torhüter der algerischen Mannschaft Racing Universitaire d’Alger. Er schilderte den Fußball als Sinnbild für die Unberechenbarkeit des Lebens: „Eines begriff ich sofort. Dass der Ball nie auf einen zukommt, wie man es erwartet.“ Oder wie Sepp Herberger zu sagen pflegte: „Das Schöne ist, dass keiner weiß, wie’s ausgeht.“

Was als unverfängliches Freizeitvergnügen begann, das die Menschen ohne Rücksicht auf ethnische, religiöse oder soziale Wurzeln zusammenführte, hat unter den Zwängen der Kommerzialisierung jene Ableger geboren, die sich viel zu lange jeder kritischen Auseinandersetzung entzogen. Ethik-Kommissionen der Sportverbände ersuchen mancherorts zu retten, was noch zu retten ist. Aber die Aufarbeitung der eigenen Versäumnisse läuft schleppend, bisweilen unentschlossen, die selbstreinigende Kraft des Sports stößt an ihre Grenzen. Staatsanwälte ermitteln, Anti-Doping-Gesetze sollen den Sport vor sich selber schützen.

So paradox es klingen mag. Teile des Spitzensports stecken just zu dem Zeitpunkt in ihrer tiefsten Glaubwürdigkeitskrise, in dem sie vom Publikum den größten Zuspruch erfahren. Daraus erwächst die Chance, neues Vertrauen zu gewinnen. Und die Verpflichtung sich weiterhin kritisch zu hinterfragen, Reformen anzustoßen, Privilegien abzugeben, Exzesse zu vermeiden. Angetrieben von der Mission, die ursprünglichen Werte wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit derer zu rücken, denen der Sport gehört: den Menschen.

Heilige Pflicht der Politik

Ethik und Moral sind Grundlage friedlichen Zusammenlebens – zumal in Zeiten fliehender Kräfte. Darauf baut alles auf. Auch der Hochleistungssport. Medaillen und WM-Triumphe gelten als Ausweis für die Leistungsbereitschaft eines Landes. Aber sie sind nur die Spitze einer Pyramide, die Breitensportler und ehrenamtliche Helfer in den Vereinen bilden. Ihre Arbeit ist ein wertvoller Dienst für den Zusammenhalt einer demokratischen Gesellschaft. Sie zu unterstützen ist mehr denn je heilige Pflicht der Politik. Sauberer, fairer und ehrlicher Sport bleibt das Ziel. Eine Utopie zwar, aber eine für die es sich zu kämpfen lohnt.


DER AUTOR | Gunter Barner

FOTO BARNERGunter Barner war jahrelang Sportchef der Stuttgarter Nachrichten, die nicht nur in der Landeshauptstadt gelesen werden, sondern als Mantelpartner zahlreiche Tageszeitungen in der Region Stuttgart mit dem täglichen überregionalen Sportteil beliefern. Nach dem Abitur volontierte Gunter Barner beim Teckboten (Kirchheim/Teck). Von dort wechselte er im Jahr 1985 zu den Stuttgarter Nachrichten, bei denen er ab Oktober 1989 die Sportredaktion leitete. Gunter Barner nimmt kein Blatt vor den Mund, begleitet den Sport fachlich-kritisch und spricht Missstände an, wenn es nötig ist. Für Barner ist der Sport eine der bürgerlichen Organisationen, die die Gesellschaft im Wortsinn und im übertragenen Sinn mit am meisten bewegen kann. Inzwischen ist er Autor der Stuttgarter Nachrichten.

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